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Haiyti

Freitag, 14. Juni
tba, tba

Haiyti hat ein neues Album gemacht. Über “Junky” steht ein Gedicht. Es ist von Rainer Maria Rilke und geht so:

 

Der Panther

 

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

so müd’ geworden, dass er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

und hinter tausend Stäben keine Welt.

 

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,

der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,

in der betäubt ein großer Wille steht.

 

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,

geht durch der Glieder angespannte Stille –

und hört im Herzen auf zu sein.

 

Der Panther in diesem Szenario – so viel Spoiler kann man sich vermutlich erlauben – ist Haiyti. Seit sie vor knapp zehn Jahren aus dem Nichts in eine Szene im Umbruch platzte (und diesen Umbruch im Alleingang auf Überschallgeschwindigkeit beschleunigte), war sie mittendrin und doch nie richtig dabei. Sie hat Musik mit den Großen gemacht: Trettmann, Casper, Haftbefehl, Miksu/Macloud. Und sie hat den deutschen Pop geprägt: sein Vokabular, seine Kadenz, seine Melodien, seine ganze Geschwindigkeit. Dennoch ist sie immer auch eine Außenseiterin geblieben, ein Phänomen, das sich ihrer Umwelt entzieht und ihrer Konkurrenz sowieso. Man guckt auf sie. Aber wirklich greifen kann man sie nicht. Und die Welt, die ist Haiyti ohnehin immer zu klein gewesen.

 

“Junky” handelt von dieser Ausnahmestellung: von dem Schmerz, den sie mit sich bringt, und den Chancen, die sich auftun, wenn eh schon alles vorbei ist. Drogen spielen dabei nur am Rande eine Rolle. Zwar durchzieht die Sehnsucht nach einer anderen Realität quasi alle Songs, aber “Junky” weiß, dass echte Junkies keinen Stoff brauchen, um süchtig zu bleiben. Es geht auf den 19 Songs um die ewige Flucht und das Gefühl, trotzdem gefangen zu bleiben, darum, dass hinter jedem High ein Kater lauert und dass jeder Funken nicht nur Hoffnung bringen, sondern leider auch alles wieder abfackeln kann. “Junky” klingt, wie Junkies sind: Eingesperrt im eigenen Leben. Innerlich ein bisschen kaputt. Aber voll von Hoffnung, dass es besser wird, weil es besser werden kann. Wie wir Menschen eben so sind.

Wie immer in ihrer Karriere verweigert sich Haiyti aber auch auf “Junky” einem simplen Narrativ. Einfache Wahrheiten oder gar Ratschläge braucht man von ihr nicht zu erwarten. Stattdessen springt sie innerhalb weniger Zeilen von Herzschmerz zu Hinterhofgeschichten, von tiefen Einblicken zu vermeintlich hohlem Materialismus, von himmelhoch jauchzendem Happy Hardcore zu blankem Nihilismus. 

 

“Ihr wisst, ich bin verdammt, denn ich leuchte nur nachts”, rappt Haiyti an einer Stelle des Albums. Und: “Du bezahlst mit Cash, ich bezahl mit Pain”. Man muss bestimmte Dinge gesehen haben, um zu wissen, was sie meint. Aber man spürt sofort, dass sie Wörter nicht einfach so sagt, selbst wenn sie im ersten Moment wie ausgewürfelt klingen.

 

Mit seiner Kälte und Kaputtheit könnte man “Junky” als Moment der Hoffnungslosigkeit verstehen, vielleicht sogar der Resignation – wäre da nicht dieser glückselig naive, entwaffnend schöne Liebessong “Sterne egal” mit der gecoverten Prinzen-Hook. 

 

Man könnte eine Antwort auf den aktuellen Hype um 90s-Trance raushören – wären da nicht die humorlosen Trap-Klopper “Dee” und “Up 2 date”, auf denen Haiyti in bester Robbery-Manier alle imaginären (und echten) Todfeinde filetiert und so den Vibe ihrer legendären Untergrundklassiker heraufbeschwört.

 

Man könnte sich einen Song wie “Heute Nacht” als Nummer-Eins-Hit vorstellen und dazu tanzen – wären da nicht die Lyrics über Einsamkeit, Verrat und einen Dauerkampf gegen Windmühlen (und natürlich der Hinweis auf “Gangsta Party”, dass im Club so dieses und jenes passiert, aber bestimmt nicht getanzt wird). 

 

Man könnte manche Songs als nüchterne Beschreibung des Rap-Geschäfts verstehen, das genauso verkommen ist wie alle anderen Geschäfte – kämen nicht direkt wieder Phasen des Rauschs.

 

Man könnte auch sagen, Haiyti mache jetzt Hyperpop – wäre dieser Begriff nicht längst zur Bedeutungslosigkeit verramscht und “Junky” wirklich hyper: hyperaktiv, hypernervös, hyperkaputt, hypermenschlich, hyperschön. 

 

Zum Ende des Albums gibt es dann noch mal eine klassische Haiyti-Balladen, “Sag mir” heißt sie. Das Herz ist zerbrochen in tausend Scherben, und über diese Scherben brettert Haiyti im pechschwarzen Diablo GT durch die Nacht, süchtig nach Sehnsucht, hin zu einer unerfüllten Liebe, oder doch einer Utopie, die es nie gab? Vermutlich ist das egal. Vermutlich ist die Frage einfach nur, ob die Reifen zerplatzen oder der Traum von einer anderen Realität am Leben bleibt, dass es besser ist da drüben, auf der anderen Seite der Stadt, auf der anderen Seite der Nacht. Da ist es doch besser, oder?





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